Über Sanam Khatibi

Sanam Khatibi ist eine belgische Künstlerin, die zwischen Brüssel und Paris lebt und arbeitet. Im Zentrum ihrer Praxis steht die Malerei, daneben arbeitet sie mit Skulptur, Stickerei, Installation und Tapisserie. 

In ihrem Werk untersucht sie, wie wir auf Situationen von Gefahr, Trauma und Katastrophen reagieren, ob menschengemacht oder ökologisch, und wie wir Machtstrukturen begegnen. Menschliche und tierische Figuren, Pflanzen, Landschaften und Objekte vereint sie in Szenen, die zwischen Schönheit und Unbehagen, Anziehung und Gefahr schweben. Sie interessiert sich für die Ambivalenzen und Veranlagungen, die menschliches Verhalten prägen, und für die Spannung zwischen dem, was wir als zivilisiert betrachten, und den ungezähmteren Kräften, die unter der Oberfläche fortbestehen.

Die Welten, die Khatibi erschafft, sind verführerisch, aber nie ganz ungefährlich. Üppige Vegetation, leuchtende Farben, dekorative Muster und idyllische Landschaften lassen an ein Paradies denken – und doch spielt sich darin immer etwas Dunkleres ab. Ihre Figuren folgen ihren Impulsen; Intimität, Spiel, Gewalt und Dominanz existieren nebeneinander. Diese Spannung zwischen Paradies und Hölle zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk: eine Welt, die an der Oberfläche harmonisch erscheint, darunter aber von ursprünglicheren und unberechenbaren Kräften beherrscht wird.

Ihre Bildsprache hat sich durch eine ebenso breite Auseinandersetzung mit Bildern, Objekten und Kulturen entwickelt. Khatibi wuchs inmitten der umfangreichen Sammlung ihrer Mutter auf, zu der unter anderem chinesisches und japanisches Porzellan, Tapisserien, Miniaturen und andere Artefakte gehörten. Sie lebte an verschiedenen Orten in Europa und begegnete Menschen und Kulturen unterschiedlichster Herkunft. Museen, Reisen, Literatur und das Sammeln wurden zu einem wichtigen Teil ihrer visuellen Bildung. Ihre Referenzen reichen von Carol Rama, Francis Bacon und Henry Darger sowie der Tradition der Outsider Art bis zu präkolumbischen Objekten, japanischen Masken und der Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts. Diese Einflüsse erscheinen in ihrem Werk nicht als Zitate. Vielmehr werden sie Teil eines persönlichen Bildvokabulars, in dem unterschiedliche Epochen, Kulturen und Darstellungsformen nebeneinander bestehen können.

Diese Art des Sammelns und Neukombinierens steht auch im Mittelpunkt des Living von Abby. Khatibi nähert sich der bestehenden Sammlung von Abby auf dieselbe Weise wie ihrer eigenen: intuitiv, geleitet von Anziehung, Assoziation und visueller Resonanz. Die Sammlung umfasst Gemälde, Skulpturen und zahlreiche Artefakte, darunter Alltags- und Gebrauchsgegenstände. Khatibi hat einige dieser Objekte ausgewählt und ihnen einen neuen Kontext gegeben, oft indem sie gewöhnliche Dinge als eigenständige skulpturale Formen präsentiert. In den Vitrinen sind sie intuitiv angeordnet und treten in einen Dialog mit einer Auswahl ihrer eigenen Werke. Statt ein bestimmtes Thema zu illustrieren, stiftet die Installation unerwartete Beziehungen zwischen Objekten aus ganz unterschiedlichen Kontexten.

Das so entstandene Wohnzimmer ist Khatibis Interpretation einer bestehenden Sammlung, verwandelt in einen Raum, der unverkennbar zu ihrem eigenen Universum gehört. Es ist weder eine Rekonstruktion noch eine neutrale Präsentation der Sammlung. Vielmehr werden die Objekte Teil einer Umgebung, die von ihrer besonderen Art des Sehens, Sammelns und Komponierens geprägt ist.

Im Zentrum der Installation steht eine monumentale, handgewebte Tapisserie, die in den Ateliers von Le Crécit in der Provinz Hennegau entstand. Sie zeigt eine scheinbar paradiesische Landschaft, bevölkert von Figuren, die mehrdeutigen und mitunter verstörenden Tätigkeiten nachgehen. Die Landschaft der Tapisserie setzt sich im Ausstellungsraum fort. Exotische Pflanzen umgeben die Objekte und Kunstwerke, während sich eine Reihe von Sitzbänken wie eine Schlange durch den Raum windet. So erhält die Architektur ein praktisches und zugleich beinahe lebendiges Element.

Im Living werden Sammlung und Vorstellungskraft untrennbar. Objekte werden von ihren ursprünglichen Funktionen und Geschichten gelöst und in eine neue, instinktive Logik überführt. Das Vertraute wird fremd, das Dekorative beunruhigend, und das Paradies, das der Raum suggeriert, bleibt aufgeladen mit der Möglichkeit von etwas Dunklerem. Khatibi bietet keine eindeutige Deutung dieser Welt an. Stattdessen schafft sie eine Umgebung, in der Schönheit, Begehren, Gewalt, Instinkt und Neugier nebeneinander bestehen können.

Khatibis Werke befinden sich in nationalen und internationalen Sammlungen, darunter The Norton Museum, West Palm Beach (USA); Dib Bangkok: Museum of International Contemporary Art, Bangkok (Thailand); S.M.A.K. Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent (Belgien); Stadt Nantes (Frankreich); The Leeum Museum of Art, Seoul (Südkorea); BPS22 Musée d’Art de la Province de Hainaut (Belgien) und Art Gallery of Ontario, Toronto (Kanada). Ausgestellt wurde ihr Werk unter anderem auf der 16. Istanbul-Biennale (Türkei), bei Le Voyage à Nantes (Frankreich), in der Kunsthal KAdE in Amersfoort (Niederlande), im Kunstverein Dresden (Deutschland), im MAC Musée d’Art Contemporain de Marseille (Frankreich), im Centraal Museum Utrecht (Niederlande) und im M HKA in Antwerpen (Belgien). In Belgien widmeten ihr das Groeningemuseum in Brügge (2021), die Kunsthal Gent (2020) und das BPS22 in Charleroi (2019) Einzelausstellungen.

Khatibi wird von rodolphe janssen in Brüssel, Mendes Wood DM in Paris und São Paulo sowie P.P.O.W. in New York vertreten.